Freitag, 6. Februar 2015

Handwerk Zweinull oder wie der Computer auf Tradition trifft

"Wo hab ich denn nur der Stundenzettel, der Kunde hat schon zum dritten Mal angerufen und will wissen wo seine Rechnung bleibt..." ruft der Handwerksmeister aus dem kleinen Kabuff seiner Frau in der Küche zu. Stapel von Zetteln, bei der Sucherei ist der ein oder andere umgekippt, verteilen sich in diesem kleinen Raum. Es ist stickig, ein kleines Fenster und 10 Jahre alter PC mit Windows 2000 wirken fast wie Fremdkörper an diesem Ort. Dies ist das Büro vom Klempner - nennen wir ihn- Erwin B. 60 Jahre Berufserfahrung, ein Traditionsbetrieb der bekannt und beliebt ist. Aufträge sind ausreichend da, die er mit seinem einzigen Gesellen abarbeiten und alle gut von Leben können. Seine Frau macht schon seit jeher den Papierkram, die Buchhaltung und kümmert sich um das, was der Meister nicht so gut hinbekommt.

Kommt Ihnen das Bild bekannt vor?

Muß ein Handwerker denn bei diesem ganzen Papierkram und im Internet gut sein? Soll er sich nicht lieber auf sein Handwerk, seine Fingerfertigkeit konzentrieren und das tun, was er am besten kann? All die Vorschriften, Gesetze und Anforderungen von Kunden, Gesetzgeber, Kammern, Finanzamt usw. lassen ihn häufig verzweifeln. "Da vergeht einem echt die Lust" schimpft er, als ein Kunde ein Fax schickt, daß er schon 5 Emails geschrieben hat die nach 3 Tagen noch immer nicht beantwortet wurden.

Seine Frau versucht ihm so gut es geht den Rücken freizuhalten. Papiere werden nicht mehr lose gestapelt, sondern mit Heftstreifen fixiert, geordnet abgelegt und in Ordner geheftet. Sie hat es nie gelernt, war all die Jahre für die Kinder da und hat das Notwendigste erledigt und sich immer wieder die Anforderungen an die Verwaltung angeeignet. Die beiden Kinder sollten es besser haben, nicht so hart arbeiten müssen und gingen später an die Universität. Ein Handwerksberuf kommt für sie nicht in Frage, "zu schmutzig, zu laut und zu schlecht bezahlt" sagen sie. Das macht den Meister traurig, der Betrieb seines Großvaters wird also ohne Nachfolger irgendwann geschlossen werden müssen, er geht auf die 80 zu und kann Metall bearbeiten, wie keine Maschine es kunstvoll je könnte. Seine Materialkenntnis und Erfahrung wird mit ihm in Rente gehen, es scheint keinen zu interessieren. Das ist traurig, dabei steckt soviel Potential in diesem Betrieb und in den drei Menschen, der Seele der Bauklempnerei.

Ein wenig frischer Wind und schon ist Ordnung

Dabei wäre ein klein wenig Offenheit des Meisters und ein junger Mensch mit Interesse für Materie und Beruf, für beide eine riesige Bereicherung. Während der alte Haudegen dem jungen Lehrling die Geheimnisse der Metallbearbeitung beibringen könnte, zum Beispiel kunstvolle Dachverkleidungen zu erstellen, mit Stehfalzprofilen zu arbeiten...welcher Dreh und Kniff die Arbeit effizient sowie hochwertig werden lässt. Zugleich könnte ein frischer Wind in den Kabuff wehen. Ein größerer Raum, frisch gestrichen, ein ordentliches Ablagesystem und ein neuer PC würden wahre Wunder vollbringen, die den alten Meister wahrscheinlich Bauklötzer staunen lassen würden.

Die Zeiten haben sich geändert - moderne Handwerksbetriebe

Viele moderne Handwerksbetriebe haben traditionelles Handwerk und aktuelle Technologien im Einsatz. Der klassische Handwerker ist nicht mehr nur Handwerker, sondern Betriebswirt, Facharbeiter, Führungskraft und Organisationstalent in einem. Oftmals auch mit Unterstützung des Partners, die gemeinsam den Betrieb führen. Helle Büroräume, organisierte Ablagesysteme und modernste IT haben häufig sogar schon die Faxgeräte verdrängt, die nun digital per Email empfangen werden. Mit dem Smartphone werden Bilder von der Baustelle zum Chef geschickt, Stunden erfasst und Angebote per Email geschrieben.

Und doch - am Ende des Tages, wenn die Baustelle abgeschlossen ist, das Dach gerichtet ist, kommen Traditionen hervor - das Richtfest wird gefeiert. Der Zimmermann der trotz aller Verwaltungsvorschriften auf die Walz geht... Hier im Handwerk ist es tatsächlich in einem gewissen Rahmen möglich, die Romantik der Tradition mit den Anforderungen der modernen vernetzten Zeit zu vereinen.
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